Die Maßkonfektion („Made-to-Measure“) ist die industrielle Anfertigung eines Anzugs entsprechend der Kundenmaße mit der Möglichkeit das Design durch einige Optionen zu beeinflussen. Für den Kunden der Mittelweg zwischen dem Kauf von der Stange („Ready-To-Wear“) und der Anfertigung auf Vollmaß bei einem Maßschneider („Bespoke“). Mit diesem Beitrag möchte ich die folgenden Fragen beantworten:

  • Maßkonfektion: Guter oder schlechter Kompromiss für den Kunden?
  • Maßkonfektion: Fluch oder Segen für uns als Maßschneider?

Bevor ich ins Thema einsteige, möchte ich mich gern den neuen Lesern vorstellen. Ich bin Sebastian Hoofs und in unserer Kölner-Maßschneider-Innung sowie im Vorstand des NRW-Landesverbandes aktiv. In diesem Blog schreibe ich aber ohne offizielle Funktion zu Fragen, die meiner Meinung nach unser Handwerk und auch unsere Kunden aktuell bewegt.

Und eine dieser Fragen ist:

„Was halten Sie eigentlich von der Maßkonfektion?“

Diese Frage wird mir sowohl von Kunden, als auch von Kollegen gestellt. Die Frage hat mich lange beschäftigt, da ich mit einer kritischen Einstellung in die Maßkonfektion gestartet bin. Aber heute kann ich sagen:

„Eine gute Maßkonfektion kann für Maßschneider und Kunden ein Segen sein, wenn die Erwartungshaltung auf beiden Seiten realistisch ist.“

Gute Maßkonfektion macht Lust auf Stoffe, Vielfalt und Individualität

Meine Erfahrung mit unseren Kunden in der Maßkonfektion und auch das Mitlesen im Stilmagazin-Forum hat mir gezeigt, dass eine gute Maßkonfektion der Einstieg in die wunderbare Welt der Stoffe, Schnitte und Details sein kann. Es ist eine Horizonterweiterung und die Erkenntnis, dass man Kleidung ganz persönlich auf den Träger mit vielen Details, die zusammen ein starkes Gesamtoutfit definieren, abstimmen kann.

Qualität gibt es nicht „ab Werk“, sondern durch richtigen Einsatz der Stellschrauben

Doch was ist gute Qualität? Die Basis setzt sicherlich der jeweilige Partner in der Maßkonfektion durch seinen Verarbeitungsstandard und den verfügbaren Optionen. Dieser Werkzeugkasten muss, aber richtig eingesetzt werden. Am Ende entscheidet meist die Qualität der Beratung und die fachmännische Aufnahme der persönlichen Maße, ob aus dem „Werk“ ein Maßanzug entsteht der zum Kunden passt und seine Persönlichkeit unterstreicht.

Erwartungshaltung bei der Passform ist wichtig für Kunden und Maßschneider

Die Passform der Maßkonfektion kann – richtiggemacht – recht ordentlich sein. Es gibt Grenzen, aber in der Regel kann man durch eine fachgerechte Auswahl der Optionen auch bei schwierigen Figuren einen guten und angenehmen Sitz erzeugen. Voraussetzung ist, dass richtig gemessen wird und körperliche Besonderheiten erkannt werden. Hier sehe ich uns Maßschneider im klaren Vorteil, da wir den Maßanzug als Ganzes verstehen und mit geschulten Auge den Körper des Kunden prüfen.

Es gibt aber auch einen Nachteil als Maßschneider: Wir sehen im angefertigten Maßanzug? auch jede noch so kleine Passformstörung, da wir die Maßkonfektion stets mit unserer eigenen Arbeit vergleichen. Hier gilt es mit der Zeit einen persönlichen Weg zu finden und diesen klar als Erwartung zu kommunizieren.

Ich sage meine Kunden klar:

„Mit der Maßkonfektion können wir eine gute, aber nicht dieselbe Passform erreichen, wie bei einer Anfertigung auf Vollmaß. Es verlässt aber auch kein Maßanzug mit einer Passformstörung das Atelier.“

Das ist eine persönliche Einstellung und es fühlt sich manchmal wie ein Fluch an, weil wir ein „fertigen Maßanzug“ manchmal komplett auseinandernehmen müssen, um Ihn mit kleinen Änderungen wieder zusammenzunähen. Aber am Ende ist es aber auch ein Segen, denn wissen wir meist, wie wir diese Änderungen im System hinterlegen können. So können wir das nächste Mal direkt einen direkten Volltreffer bestellen und haben einen Stammkunden gewonnen.

Exkurs: Die billige Maßkonfektion der Ketten

Ich möchte an dieser Stelle einen kurzen Exkurs zu den Billiganbietern machen, die einen Maßanzug „ab 349 €“ – oder sogar darunter – anbieten. Ich habe es in dem Artikel „Was kostet ein Maßanzug?“ etwas ausführlicher dargestellt, aber ich sehe nicht wie bei diesem Preisniveau guter Stoff, fachmännische Beratung und hochwertige Anfertigung angeboten werden kann. Die sind für mich aber die Grundvoraussetzungen um im Ansatz von einem Maßanzug sprechen zu können. Diese Anbieter schädigen den Ruf von echter Maßbekleidung und lassen enttäuschte Kunden zurück, die wieder zurück zur Stange wechseln. Das ist ein wirklicher Fluch für uns als Maßschneider, da unser Handwerk auf diese Art in der Folge negativ besetzt wird.

Fazit: Maßkonfektion kann ein guter Weg für Kunden und Maßschneider sein

Ich bin der Überzeugung, dass eine gute Maßkonfektion der Einstieg in die Welt der Maßschneiderei sein kann. Wir als Maßschneider sollten helfen, diesen positiven Einstieg zu schaffen.

Für die meisten Kunden ist die Maßkonfektion ein guter und rationaler Kompromiss für den Erwerb eines guten und individuellen Maßanzugs – bis zu dem Punkt, wo Sie sich in den ersten Vollmaß-Maßanzug verlieben und ab da nichts anders mehr tragen wollen. 🙂

Ich freue mich über Feedback, Anregungen und Fragen in den Kommentaren, auf Facebook oder ganz klassisch per E-Mail an sh@sebastian-hoofs.de.