Hinweis: Das ist ein Gastbeitrag von Tom Storch, mit dem ich vor kurzem ein Maßhemd in Köln als Co-Working Projekt an einem Wochenende angefertigt habe. 

Meine Motivation: Erfahren wie ein echtes Maßhemd entsteht

Nach meinem ersten Maßanzug, folgten schnell weitere Hosen als Maßanfertigungen und ein maßgeschneiderter Mantel. Maßbekleidung sieht gut aus und ist auch noch richtig bequem. Machen wir es kurz: ich bin fasziniert von Maßanzug & Co. und nachdem was ich bisher mitbekommen habe, ist auch der Entstehungsprozess hochspannend.

Mir fehlte zum vollen Outfit nur noch ein Maßhemd. Dieses Mal wollte ich „Live“ dabei sein und mit anpacken. An einem regnerischen Wochenende ist mein Maßhemd in Köln als Co-Working Projekt mit Sebastian entstanden. Wir hatten eine tolle Zeit und ich habe viel gelernt. Diese Erfahrung möchte ich gern mit euch teilen. Ich bin absoluter Näh-Laie, aber konnte hoffentlich auch für die Hobbyschneider unter euch einige „Profi-Tricks“ festhalten.

1.     Schritt  – Den Stoff für mein Maßhemd in Köln finden

Es klingt so einfach, aber es ist eine entscheidende Frage „Was für Stoff verwenden wir?“ – Die Auswahl an Hemdenstoffen ist riesig und es macht Spaß zu entdecken, was es neben „weiß“ und „hellblau“ für eine riesige Vielfalt gibt. Wer sich davon mal ein Bild machen möchte, kann bei einem lokalen Fachgeschäft schauen oder spioniert bei einem der Maßkonfektionäre. Ich habe gelernt, dass im Profihandwerk überwiegend Stoffe von der Weberei Alumo verarbeitet werden. Meinen Stoff haben wir zusammen mit einer anderen Bestellung bei Huddersfield Cloth in England bestellt. Übrigens, der Online-Shop bietet sehr hochwertige Stoffe für Maßanzüge und Maßhemden zu einem guten Preis an. Die einmalige Registrierung als Käufer schreckt im ersten Moment etwas ab, aber ist auch als Privatmann möglich und lohnt sich.

Den Stoff für mein Maßhemd habe ich letztendlich online bei Huddersfield in England bestellt und nicht im lokalen Geschäft in Köln. Überzeugt hat vor allem die hohe Qualität und große Auswahl.
Den Stoff für mein Maßhemd habe ich letztendlich online bei Huddersfield in England bestellt und nicht im lokalen Geschäft in Köln. Überzeugt hat vor allem die hohe Qualität und große Auswahl.

Für mein erstes Maßhemd wollte ich es „klassisch“ angehen und habe merzerisierte Baumwolle in dunkellila gewählt. Merzerisierung ist eine Veredlung, die den Stoff glatter und glänzender macht. Ich habe den Stoff gewählt, weil ich den modernen Look mochte. Das nächste Mal würde ich mich aber für unbehandelte Baumwolle entscheiden, da der Glanz-Effekt den Nachteil hat, dass der Stoff schnell knittrig wirkt.

Bei den sonstigen Zutaten für mein Maßhemd (Knöpfe, Garne und Einlagen) konnte ich mich auf Sebastians Bestand verlassen. Wer selber bestellen muss, der wird in jedem guten Stoffladen fündig oder kann in speziellen Online-Shops für Maßschneider bestellen. Wirklich gute Materialen für ein Maßhemd in Köln zu finden ist ehrlich gesagt sehr schwer und ich denke in anderen Städten wird es nicht viel leichter, deshalb lohnt es sich, sich mit den Online-Angebot auseinander zusetzen.

2.     Schritt –  Der perfekte Schnitt für mein Maßhemd

Bei der echten Maßschneiderei geht es darum den perfekten und individuellen Schnitt für jeden Menschen zu finden. Die Anfertigung von einem Maßhemd im Vollmaß unterscheidet sich, wesentlich von den Anbietern der Maßkonfektion. Die Maßkonfektion arbeitet mit Schablonen, die auf die Kundenmaße geändert werden. Der Fokus liegt auf der Auswahl von Stoffe, Kragen- und Manschettenformen nach einem Baukastensystem. Abweichungen von System sind nicht wirklich vorgesehen. Die Anbieter unterscheiden sich hier auch in Qualität und Beratung, aber was für mich komplett unverständlich ist sind Online-Anbieter bei denen kein menschlicher Kontakt besteht und man die Maße auch noch selber aufnimmt.

Ich durfte bei der Schnittkonstruktion von meinen Vollmaß-Hemd mit handanlegen und habe erlebt wie entscheidend das Erkennen der „menschlichen“ Haltungsfehler für die perfekte Passform ist.  In einem „Fachgeschäft“ für Maßhemden in Köln wurden mir schon Falten durch einen Passformfehler als „Bewegungsfalten“ verkauft und beinahe hätte ich es geglaubt. Soviel weiß ich jetzt: Ein guter Schnitt sitzt ohne Spannung, gibt dem Körper Bewegungsfreiheit und lässt den Menschen gut aussehen.

Die Erstellung des perfekten Schnittes fängt mit dem Grundschnitt an. Den Grundschnitt haben wir nach dem System von Müller & Sohn anhand meiner gemessenen und errechneten Werte konstruiert.  Das Maßnehmen hat bei mir ca. 15 Minuten gedauert und es wurden zehn Werte aufgenommen. Aus dem Brustumfang und der Körpergröße wurden basierend auf den Formeln des Schnittsystems die „optimalen Proportionsmaße“ berechnet. Die echten und optimalen Maßen haben wir verglichen und je nach Fall die besten Werte gewählt. Solange die Abweichung im Rahmen bleibt, kann man mit den optimalen Proportionsmaßen den Körper entsprechend positiv erscheinen lassen. Für die Bewegungsfreiheit wurden dann noch „Bequemlichkeitszugaben“ hinzugerechnet.

Den Grundschnitt von meinem Maßhemd habe ich mit Stift, Lineal und Taschenrechner konstruiert. Im Anschluss erfolgt die echte Maßarbeit: Die Einarbeitung meiner ganz persönlichen Passformfehler, wie vorgezogenen PC-Schultern.
Den Grundschnitt von meinem Maßhemd habe ich mit Stift, Lineal und Taschenrechner konstruiert. Im Anschluss erfolgt die echte Maßarbeit: Die Einarbeitung meiner ganz persönlichen Passformfehler, wie z.B. meine vorgezogenen PC-Schultern.

Den Grundschnitt konnte ich mit Sebastians Hilfe und Tools recht schnell aufs Papier aufzeichnen. Ich war stolz wie Oscar! Im nächsten Schritt wurden meine Passformfehler (hohe und leicht vorgeneigte Schultern, sowie leichter Rundrücken) die Sebastian beim Messen an mir entdeckt hat direkt eingearbeitet. Die eigentliche Maßarbeit fing also an! Sebastian erklärte mir, dass ich die klassischen PC-Arbeiter-Haltungsfehler habe und zusätzlich mit genetisch geraden Schultern ausgestattet bin. Deswegen stauchen Kauf- und Konfektionshemden sich bei mir hinten am Hals und werfen auf der Brust Falten. Egal welche Marke oder Anbieter ich ausprobieren würde, mit meinen Schultern würde ich nie ein wirklich passendes Hemd finden.

Mit den Abbildungen aus dem Fachbuch „Maßschnitte und Passform“  konnte ich mir die Auswirkungen der Schnittänderung bildlich vorstellen. Beim Durchblättern des Buches habe ich ein leichtes Gefühl dafür entwickelt, was ein Maßschneider alles wissen muss um für jeden Menschen ein perfektes Kleidungsstück auf den Leib zu schneidern. Wir haben meinen Grundschnitt entsprechend angepasst. Das klingt ziemlich einfach, aber ich kann euch versichern, dass es nicht so ist. Ohne die Erfahrung vom erfahrenen Maßschneider wäre ich an dieser Stelle mit aller Literatur der Welt ausgestiegen und hätte für immer mit „Bewegungsfalten“ leben müssen. Aber wir haben es geschafft und sofort das erste Probeteil erstellt.

3.     Schritt – Das Probeteil und die Anpassungen für mein Maßhemd

Der Moment der Wahrheit: Die erste Anprobe meines Schnittes mit einem Probeteil. Das Probeteil ohne Ärmel, Knopfleisten und mit günstigen Stoff verlangt einiges an Abstraktionsvermögen, aber ein Blick in den Spiegel und „Wow!“: Die Schultern sitzen perfekt. Es hat wirklich geklappt, was wir da auf dem Papier mit Taschenrechner und Lineal konstruiert haben. Ich bin schwer begeistert und endgültig überzeugt, dass echte Maßarbeit eher Ingenieurskunst ist als Handarbeit. Sebastian hat bei dem Probeteil noch „Spannung im  Rücken“ entdeckt. Es wurde abgesteckt und aufgeschnitten bis es perfekt war. Am Ende hat mein Rücken in der Papier-Konstruktion noch etwas mehr Länge bekommen. Dazu haben wir eine Verschiebung an der Seitennaht vorgenommen. Das war einer der Handwerks-Tricks, die ich nebenbei lernen durfte. Diese Tricks klingen so simpel, aber wer sie nicht kennt steht oft vor unlösbaren Problemen, weil sie in keinem Buch aufgeführt sind.

Der finale Schnitt für mein Maßhemd mit allen Passform-Anpassungen
Der finale Schnitt für mein Maßhemd mit allen Passform-Anpassungen

Ich habe außerdem gelernt, was die Schwierigkeit an einem klassischen Maßhemd ist. Es gibt nur sehr wenige Nähte und Abnäher zum Gestalten – und erst recht kein Platz für Polster wie beim Sakko. Änderung an einer Stelle ziehen so häufig ungewollte Änderungen an anderer Stelle nach sich. Für uns ging es deshalb auch direkt in die zweite Runde mit einem weiteren Probeteil für mein Maßhemd. Wir hatten Glück und die Passform war perfekt! Ich hatte meinen ganz persönlichen Schnitt für ein Maßhemd mit meinen eigenen Händen erstellt. Mit dieser Grundlage kann ein (begabter) Hobby-Schneider dann auch jeder Zeit sein eigenes Maßhemd erstellen. Ich gehöre aber nicht zu dieser Gruppe und jetzt musste Sebastian dran.

4.     Schritt – Die Verarbeitung von meinem Maßhemd mit individuellen Wünschen

Mit meinem Schnitt und dem echten Stoff wurden erst alle Teile zugeschnitten und dann zusammengenäht. Für mich war es spannend zu sehen, wie aus dem dünnen Stoff zusammen mit der Einlage ein steifer Kragen und Manschetten entstanden sind. Im Verlaufe der Verarbeitung konnte ich mir diese Details von meinem Hemd noch auswählen. Ich hab mich für ein klassischen Kentkragen und sportliche Manschetten entschieden. Wir haben auf typische Erkennungszeichen für Handarbeit, wie die von Hand abgesteppte Schulternaht, verzichtet um unser Projekt an einem Wochenende zu vollenden.

In der „Verarbeitungsphase“ gab es zwischendurch einige Anproben, um sicher zu sein, dass sich Probestoff und echter Stoff gleichverhalten und das Einsetzen von Armen und Kragen keine zusätzlichen Spannungen im Material erzeugen. In meinem Fall klappte das alles problemlos und ich konnte ohne weitere Änderungen nach 15 Stunden Arbeit mein ganz persönliches Maßhemd auf dem Körper tragen. Ein echtes Meisterstück der Handwerkskunst!

Mein fertiges Maßhemd mit Kentkragen und sportlichen Manschetten
Mein fertiges Maßhemd mit Kentkragen und sportlichen Manschetten. Auf die typischen Zeichen der Handarbeit haben wir bei diesem Projekt verzichtet, damit ich am Ende des Wochenendes und nach 15 Stunden Arbeit mein Maßhemd und Schnitt in den Händen halten konnte.

5. Schritt – Mein Maßhemd im Alltag: Angenehm zutragen und unbewusst auffallend

Ein Maßhemd, so wie ich es mir ausgewählt habe, ist kein Hingucker auf den einen jeder in Köln anspricht. Es sitzt einfach nur richtig gut und ich denke man wirkt dadurch selbstbewusster und souveräner – ohne dass jemand sagen könnte warum das so ist.  Allein meine Friseurin bemerkte sofort, dass der Kragen perfekt am Hals anliegt und sie so etwas schon lange nicht mehr gesehen hat. Kurzum: ich bin rundum zufrieden und freue mich schon auf das nächste Maßhemd von Sebastian.

Durch die aktive Mitarbeit bei der Schnittkonstruktion habe ich erfahren, warum ein echtes Maßhemd seinen Preis hat und nicht vergleichbar ist mit den „Maßarbeiten“ aus dem Internet und von günstigen Anbietern der Maßkonfektion. Nur durch die genau Kenntnis von Körper und echter Haltung, kann ein perfekter Schnitt konstruiert werden. Das Schöne ist, dass sich der Aufwand lohnt und bereits das zweite Hemd wesentlich schneller (und günstiger) zu realisieren ist, da der Schnitt dann bereits vorliegt.

Ich danke Sebastian für die spannenden Einblicke und mein Maßhemd! Ich kann ein Co-Working jedem empfehlen, der Interesse an der Maßschneiderei hat. Mit etwas mehr Vorwissen, wird man die vielen kleinen Tricks und Chance für Fragen erst richtig schätzen können. Für mich war es ein tolles Wochenende mit einem schönen Andenken!

Vielen Dank!