Ein riesen Dankeschön für diesen Gastbeitrag geht an Aaron Ratschow! Es war mir eine große Freude mit dir zusammen zu arbeiten.

Ich interessiere mich seit einiger Zeit für die Maßschneiderei und damit einher geht natürlich der Wunsch nach einem eigenen Maßanzug. Mit dem beschränkten Budget eines Studenten kam eine komplette Maßanfertigung leider nicht in Frage. Aus dem Wunsch entwickelte sich dann die Idee, selbst einen Anzug zu machen und aus der Idee wurde ein Hobby.

Ich habe seitdem bereits einen eigenen Maßanzug gemacht und über dieses Hobby auch Sebastian kennengelernt. Den Schnitt für meinen ersten Maßanzug habe ich komplett selbst gezeichnet und dafür viel Zeit und noch mehr Nerven aufgebracht. Während der Anproben hat sich der Schnitt immer leicht verändert und am Ende bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Papierschnitt noch etwas mit dem Anzug zu tun hat.

Um mir in Zukunft mit weniger zeitlichem Aufwand Anzüge machen zu können und darüber hinaus einen noch besseren Sitz zu erzielen, bot das Co-Working mit Sebastian zur Herstellung eines persönlichen Schnittes für einen Maßanzug in Köln eine tolle Möglichkeit.

In den beiden Tagen Co-Working in Köln zur Erstellung des Schnittes für meinen nächsten Maßanzug habe ich sehr viel gelernt!

Aaron Ratschow

01. Schritt – Der Stil des Maßanzugs

Bevor wir zu Papier, Schere und Stoff gegriffen haben, wurde zuerst über verschiedene Stile und grundlegende Geschmäcker beim Schnitt von Maßanzügen gesprochen. Es gibt insbesondere was die Schultern und die Taillierung angeht große Unterschiede zwischen klassisch deutschen, englischen oder italienischen Anzügen. Ich persönlich bin ein großer Fan von englischen Anzügen mit einer strukturierten Schulter und einer „sanduhrförmigen“ Taille. Dabei werden die Brust und die Hüfte etwas weiter und mit Bogen geschnitten, um die Taille schmaler wirken zu lassen, ohne den Träger einzuengen.

Sebastian hat mir zu einigen Details auch wertvolle Tipps gegeben. Letztendlich haben wir uns für schräge Taschen (mit Klappen, aber das ist für den Schnitt irrelevant), fallende breite Revers und eine sehr hohe Crochet-Naht entschieden. Das ist die Naht, wo der Kragen an das Revers gesetzt wird. Die Hose bekommt eine Bundfalte und wird nach unten zum Knöchel modern etwas enger geschnitten.

Generell ist der Rat eines Profis bei der Ausgestaltung der Details eines Maßanzugs sehr wertvoll, da man sich sonst schnell übernimmt und das Kleidungsstück mit Details überlädt. Dies gilt sowohl für Co-Working Projekte als auch für Maßkonfektion und komplette Maßanfertigungen.

Das Maßnehmen – Kurz und schmerzlos

02. Schritt – das Maßnehmen

Nach der Besprechung der Details folgte der entscheidende Moment: Das Maßnehmen. In Blogs oder Foren wird dieser Schritt oft in den Himmel gelobt, dabei ist es nach wenigen Minuten schon wieder vorbei. Für den Kunden endet das Maßnehmen damit schon nach kurzer Zeit, für den Schneider geht es noch weiter.
Auch bei der Maßschneiderei, in der der Schnitt ganz individuell für den jeweiligen Kunden angefertigt wird, liegt ein System zu Grunde. Die meisten deutschen Schneider nutzen das Schnittsystem nach Müller & Sohn. Dieses System arbeitet mit den Körpermaßen und daraus errechneten Hilfsmaßen. Nach der Errechnung aller Maße haben wir diese mit den Tabellenmaßen aus dem System Müller & Sohn verglichen. Hier beginnt die faszinierende Arbeit des Maßschneiders. Obwohl meine Maße erstaunlich wenige Abweichungen zu den Referenzmaßen hatten, hat Sebastian die vorhandenen Differenzen sofort gefunden und mir die Auswirkungen der jeweiligen Maße im fertigen Kleidungsstück erläutert.

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03. Schritt – Der Grundschnitt

Jeder noch so extravagante Anzug beginnt erstmal mit einem Grundschnitt. Dabei haben wir gemäß der gemessenen und errechneten Maße einen Schnitt gezeichnet. Schon hier, vor der ersten Anprobe, kann ein erfahrener Schneider entscheidenden Einfluss auf die Passform und Silhouette nehmen. Ein leicht vorgeschobenes Becken kann man durch schräggestellte Seitenteile ausgleichen und auch die gewünschte Schulterlinie wird auf dem Papier bestimmt. Dabei hat Sebastian mir nicht nur die speziellen Anpassungen für meinen Schnitt gezeigt, sondern auch weiter ausgeholt und ist auf ein paar persönliche Erfahrungen eingegangen. Dann haben wir gemeinsam die zuvor besprochenen Details zur Passform, insbesondere den englischen Taillenverlauf, eingearbeitet. Während den Grundschnitt nach dem System noch jeder zu Papier bringt, sind es diese Kleinigkeiten, die den Unterschied machen und aus einem mittelmäßigen Schnitt den perfekten Schnitt für den Maßanzug machen.

04. Schritt – Die erste Anprobe

Um den Schnitt zu testen, haben wir zunächst den Rumpf des Sakkos ohne Ärmel und die Hose aus einem leichten Nesselstoff zugeschnitten und zusammengenäht. Auch hier hat Sebastian mir viele Tipps zur besseren, leichteren, schnelleren und professionelleren Verarbeitung des späteren Anzugs gegeben. Wichtig bei der Anprobe ist, die Schultern bereits entsprechend auszupolstern.

Jetzt habe ich zum ersten Mal einen Eindruck davon erhalten, wie mein späterer Maßanzug aussehen wird. Der Anzug saß technisch gesehen schon jetzt sehr sehr gut. Während bei der Hose lediglich eine kleine Änderung zur Kaschierung meiner leichten O-Beine nötig war, haben wir uns an der Jacke mal so richtig ausgetobt und viele verschiedene Alternativen und Möglichkeiten durch Abstecken ausprobiert. Hier kommt der Vorteil des Co-Working deutlich zu tragen, denn Sebastian hat sich sehr viel Zeit genommen, um mir zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt und was welche Änderung genau hervorruft. Es ist auch interessant zu sehen, wo man Weite braucht und wo sie völlig überflüssig ist. Hier habe ich am meisten gelernt.

Letztendlich haben wir uns dazu entschieden, den Sakkorücken sehr nah an die natürliche S Form meines Rückens zu bringen.

05. Schritt – Die zweite Anprobe

Die Änderungen, die wir am Rücken gemacht haben, haben wir dann in den Papierschnitt übertragen und ein zweites Probeteil aus Nessel genäht. Ein Vorteil von Nesselproben gegenüber einer ersten Anprobe im Anzugstoff ist, dass die Baumwolle sich deutlich steifer und undankbarer verhält, weshalb man viele Faltenwürfe besser identifizieren kann. Dadurch kann man einen bis auf den Millimeter genauen Schnitt erstellen.

Nachdem bei der ersten Anprobe auch die Armlöcher noch angepasst werden mussten, haben wir für die zweite Anprobe auch den Schnitt für die Ärmel gemacht und sie für die Anprobe eingenäht. Jetzt saß der Anzug wirklich so wie ein Maßanzug sitzen muss! Wir haben nur noch eine kleine Änderung am Ärmel gemacht und nach 2 Tagen war der Schnitt fertiggestellt!

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06. Schritt – Die Stoffauswahl

In den beiden Tagen Co-Working in Köln zur Erstellung des Schnittes für meinen nächsten Maßanzug habe ich sehr viel gelernt! Sowohl was die Schnittkonstruktion, als auch was die Verarbeitung angeht konnte ich viele wertvolle Tipps vom Profi mitnehmen, die man so in keinem Buch findet und die einem sehr viel Zeit sparen.

Da ich natürlich möglichst schnell mit der Herstellung meines Anzugs starten wollte, hat Sebastian mich dann auch noch bei der Stoffauswahl beraten. Er konnte mir viele Beispiele aus seinen Stoffbüchern zeigen und genau erklären, wie sich welche Stoffe bei der Verarbeitung und im Tragegefühl verhalten. Letztendlich haben wir uns für einen mittelgrau mellierten 280 g Stoff aus Schurwolle mit 2% Kaschmir entschieden und bei Huddersfield Cloth, wie schon in dem Beitrag zum Co-Working Maßhemd ausführlich beschrieben, bestellt.

Auch wenn ich bei den Bildern im Internet und den kleinen Proben aus Sebastians zahlreichen Stoffbüchern noch kritisch war, bin ich jetzt wirklich begeistert von dem tollen Stoff und kann es gar nicht abwarten, meinen Anzug zum ersten Mal tragen zu können!

Abschließend kann ich ein Co-Working mir Sebastian jedem, der sich für die Maßschneiderei interessiert oder sogar selbst betreibt, sehr empfehlen. Man lernt sehr viel und die wertvollsten Informationen sind die persönlichen Erfahrungen und Verarbeitungstipps, die man in keinem Buch findet. Für mich waren die beiden Tage ein voller Erfolg!