Die Debatte über den „überteuerten Maßanzug“ von Christian Lindner hat mich dazu veranlasst, diesen Blogbeitrag über die Kosten eines Maßanzuges zu verfassen. Gern möchte ich als Maßschneider etwas Substanz in die Debatte bringen und über die Kosten eines Maßanzugs zu informieren.

Maßschneider wird man aus Leidenschaft – nicht wegen des Profits

Maßschneider bin ich aus voller Überzeugung geworden, denn auf finanzieller Ebene gibt es dafür in Deutschland keinerlei Anreiz. Kennzahl gefällig? Bei der Ausbildung in Deutschland sind im dritten Lehrjahr rund 325 Euro empfohlen. Danach wartet auch nicht automatisch der Reichtum: Der aktuelle Mindestlohn ist der Maßstab – wenn man denn eine der wenigen Stellen ergattern kann. Und damit hat es sich. Ein Trinkgeld, wie beim viel zitierten Friseur, gibt es zumeist auch nicht.

Wie kommt das? Wir machen diesen Job gern und freuen uns über jeden Auftrag, der ein spannendes Projekt bringt. Und so kalkulieren die meisten Maßschneider ihren Preis über die Kosten und orientieren sich am Wettbewerb, der auch nur die Kosten kalkuliert. Die Kosten bestehen zu 60-80 % aus Lohnkosten und so liegt es nahe, am Lohn zu sparen.

Ich persönlich bin der Überzeugung, dass wir als Maßschneider aus diesem Kreislauf ausbrechen und mit Selbstbewusstsein zu unserer Leistung stehen müssen. Wir schaffen mit viel Fachwissen, Handarbeit und hochwertigem Material ein individuelles wie langlebiges Produkt mit sehr guten Trageeigenschaften.

So kalkuliert ein Maßschneider die Kosten eines Maßanzugs

Auf meiner Webseite finden Sie derzeit folgenden Preis:

„3.840 € für die Anfertigung auf Vollmaß zzgl. Materialien“

Viel Geld, gewiss, aber angemessen, wie ich Ihnen mit meiner Kalkulation demonstrieren werde. In Kurzform rechnet es sich so:

  • 80 Stunden x 48 € pro Stunde = 3.840 €

Aber lassen Sie uns mal genauer hinschauen:

Die Arbeitszeit von 80 Stunden ergibt sich aus der Summe der Einzelschritte. Es ist meine persönliche Pauschale, die auf den Erfahrungen bei einem guten Durchlauf bei der Anfertigung beruhen. Beim ersten Sakko sind es meist sogar einige Stunden mehr, da der persönliche Schnitt gefunden werden muss und die Beratung beim ersten Mal umfangreicher ist.

Seriöse Maßschneider werden auch Werte von 50 bis 100 Stunden nennen. Und alle haben sie ihre Gründe: Einige arbeiten rationeller, manche kleben auch Einlagen und andere gehen von einem Basis-Maßanzug aus und berechnen aufwendige Details gesondert. Ich habe mich für eine Pauschale entschieden, damit ich mich mit meinen Kunden auf das Design konzentrieren kann.

Der Stundensatz von 48 € pro Stunde ergibt sich aus einer Mischkalkulation. Die besteht aus dem Satz für meine Mitarbeiter und meine Zeit. In dem Preis sind neben Lohn, Sozialabgaben, Umsatzsteuer auch Betriebskosten, Miete, Versicherung, etc. enthalten. Das lässt sich in unserem Atelier recht einfach rechnen, da wir bei dem Zeitaufwand zu zweit 3 bis 4 Maßanzüge im Monat schaffen. Rechnen wir das mal auf den Alltag um: Bei zwei Anzügen trägt sich das Geschäft, bei drei Anzügen können wir ein wenig vorsorgen und bei vier Anzügen ist auch ein Urlaub drin.

Auch beim Stundensatz werden Sie in Deutschland unterschiedliche Werte im Bereich von 30 bis 80 € finden, weil jedes Atelier andere Fixkosten hat und anders rechnet. Gerade die Miete in der Kölner Innenstadt möchte ich derzeit nicht zahlen. Mein Können und das meiner Mitarbeiterin unter Wert anbieten aber auch nicht.

Die Materialkosten liegen meist zwischen 300 und 750 Euro für 3,50 m Oberstoff, 1,60 m Futterstoff, Einlagen, Knöpfe und Garne. Hier ist die Bandbreite wirklich sehr groß, aber für unter 80 €/m Oberstoff findet man selten gute Qualitäten.

Ein zweiteiliger Maßanzug inklusive Material kostet also in Deutschland im Schnitt zwischen 3.000 Euro bis 6.000 Euro bei einer Anfertigung auf Vollmaß, mit individuellem Schnitt und 2 bis 4 Anproben. Und das ist vor dem Hintergrund meiner Kalkulation meistens noch zu knapp veranschlagt.

Ein echter Maßanzug lohnt sich

Die Investition in einen Maßanzug ist selten eine Vernunftsentscheidung, sondern bemisst sich daran, ob man diese Wertigkeit für sich als wichtig erachtet oder nicht. Natürlich braucht man auch die finanziellen Mittel, aber aus meiner Erfahrung wird ein Maßanzug von meinen Kunden nicht als Luxus-Gut verstanden, sondern als treuer Begleiter. Der Luxus ist dann eher die sündhaft teure Markenuhr, die zum Anzug passt – aber auch hier gibt es sicherlich gute Gründe für den Preis ;-).

Es gibt aber auch ganz rationelle Gründe für einen Maßanzug:

  • Er sitzt!
    • Sie fühlen sich wohl in Ihrer Haut. Sie wirken selbstsicherer.
    • Ihre Umwelt bemerkt das und schreibt Ihnen mehr Kompetenz zu.
    • Ihre Chancen in Präsentationen und Verhandlungen steigen.
  • Er ist langlebig!
    • Ein Maßanzug ist hochwertig verarbeitet.
    • Ein guter Schnitt kommt nie aus der Mode.
    • Sie können ihn wirklich lange tragen.
  • Es ist ein Erlebnis!
    • Sie wählen bei einem Kaffee Ihren Anzug aus und werden dabei gut beraten.
    • Sie erleben, wie aus einem Stoff, Einlagen und Faden Ihr Maßanzug entsteht. o
    • Am Ende sind Sie zufrieden, weil Sie keine Kompromisse gemacht haben.

Meiner Meinung nach ist die Kritik an Lindners Maßanzug überspitzt und vorschnell. Ich würde eher sagen:

„Jeder kann sein ehrlich verdientes Geld ausgeben, wie er möchte. Wenn er es in einen Maßanzug und damit in gutes Handwerk investiert: Noch besser!“

Maßkonfektion – eine Alternative?

Es kommt drauf an. Nicht jeder will oder kann sich einen Maßanzug leisten. Das ist auch nicht nötig, denn mit der Maßkonfektion gibt es eine Alternative. Die Optionen sind limitierter, die Herstellung industrieller, aber es ist ein Anzug nach Ihren Maßen und der sollte dann auch sitzen, oder? Das sollte er und es ist – in einem bestimmten Rahmen – auch möglich.

Was wichtig bei der Maßkonfektion ist:

  • Wer nimmt Maß?
  • Welche Besonderheiten werden gesehen?
  • Welche Schlüsse werden gezogen?

Leider ist allzu oft die Antwort: Ein geschulter Verkäufer, der meist nur die klassischen Passformstörungen kennt und erkennt. Bei Besonderheiten passiert es schnell, dass falsche Änderungen erfasst werden und der Anzug dann doch nicht richtig sitzt.

Eine gute Alternative ist die Maßkonfektion vom Maßschneider. Viele Kollegen haben sich so ein zweites Standbein geschaffen und können Sie fachmännisch beraten. Die Preise liegen in der Regel zwischen 800 Euro und 2.500 Euro, je nachdem mit welchen Partner man zusammenarbeitet und wie und wo angefertigt wird.

Eine Übersicht der Maßschneider finden Sie auf der Webseite des Bundesverbandes der Maßschneider. Auch hier sollten Sie kritisch fragen: Passt der Stil des Maßschneiders zu mir? Ist er mir sympathisch? Stimmt die Qualität?

Bei uns kostet die Maßkonfektion 960 € zzgl. der Kosten für den Oberstoff (300-750 €). Wir können dabei aus allen Stoffen im Atelier wählen und viele schnitttechnische Korrekturen vornehmen. Die Anfertigung selbst erfolgt dann in Portugal. Im Atelier nehmen wir im Zweifel noch letzte Änderungen vor, machen die letzten Handgriffe und nähen zum Schluss unser typisches Milanese-Knopfloch ans Revers.

Für Studenten und Berufseinsteiger entwickeln wir gerade ein spezielles Angebot. Wir wollen vermeiden, dass jemand mit einer schlechten Maßkonfektion ins Leben startet und die Lust an der Maßbekleidung verliert. Details zur Aktion folgen, aber sprechen Sie uns bei Interesse einfach an.

Wie ist Ihre Meinung?

Ich hoffe, ich konnte die Kalkulation hinter einem Maßanzug transparent darstellen. Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Schreiben Sie bitte einen Kommentar. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

 

Hinweis: Wir haben zum 01. Juli 2017 unsere Preise angepasst und somit auch die den Stundenverrechnungssatz in diesem Artikel aktualisiert.